Kurzgeschichte aus dem Buch ZeitenWende
Weihnachten rückte unaufhaltsam näher. Wie jedes Jahr mit einer Mischung aus Vorfreude, Nachdenklichkeit und einem Riesenproblem. Es war jedes Jahr im Grunde dasselbe Problem, das Geschenkproblem. Sollte man ganz einfache schlichte Weihnachten feiern und nur ganz kleine Geschenke besorgen oder überhaupt ganz auf Geschenke verzichten? Diese Überlegungen wurden jedes Jahr im Vorfeld diskutiert, nachdem selbst die Jüngsten keine richtigen Kinder mehr waren und es ohnehin fast unmöglich ist, Halbwüchsige treffsicher und überraschend zu beschenken.
Gutscheine für Elektronik oder Kosmetik kommen zwar immer gut an, aber so wirklich als originelle Geschenke kann man das kaum bezeichnen. Der Familienrat beschloss daher einstimmig wieder einmal auf große Geschenke zu verzichten und es mit kleinen Aufmerksamkeiten zu versuchen. Diese Überlegungen sind jetzt gut zwei Jahre her und ich frage mich, ob das nicht trotzdem alles besser war als der glückliche Zustand jetzt, wo sich dieses Problem inzwischen vollständig erübrigt hat.
Mein Freund Daniel ist etwas jünger als ich, kämpfte natürlich zu dieser Zeit mit den gleichen Weihnachtsproblemen wie viele andere Väter und Mütter auch. Wir hatten das Geschenkdilemma bei einem Glas Wein ausführlich diskutiert und ich hatte ihm damals den Tipp gegeben, einen berüchtigt originellen Weihnachtsmarkt im seltsamsten Teil des Niederösterreichischen Waldviertels zu besuchen.
Dort gibt es in der Nähe beschilderte Kraftplätze, eine Steintafel mit einer Inschrift, die angeblich nicht von dieser Welt stammt und sogar einen UFO Landeplatz. Ich meinte, wenn er dort auf dem Markt nicht irgendein originelles Geschenk findet, dann nirgendwo.
Tatsächlich faszinierte ihn dieser Markt sofort außergewöhnlich, obwohl das Wetter alles andere als angenehm war. Es war kalt und nebelig und Daniel war froh, dass die meisten Stände innerhalb des alten Pfarrhofes aufgebaut waren. Aber es gab auch außerhalb, neben den unentbehrlichen Punschständen, noch ein paar ganz kleine Stände mit anscheinend wetterfesten Betreibern. Daniel stöberte zuerst gemütlich im Innenbereich die vielen zum Teil hausgemachten und mitunter auch sehr schönen Angebote durch. Trotz der vielen, oft sogar sehr originellen Produkte, wie kleine handgemachte und bemalte Kuckucksuhren oder handgestrickte Pantoffeln, konnte sich Daniel aber gerade noch durchringen, ein Glas mit schönen getrockneten Steinpilzen zu erwerben.
Etwas enttäuscht entschloss er sich dann trotz der unfreundlichen Witterung, ein Glas Punsch im Freien einzunehmen. Der Punsch war von den Besuchern mehrmals gelobt worden und so holte sich ebenfalls einen Becher davon. Der Punsch war heiß, tatsächlich sehr geschmackvoll, wenn auch für seinen Geschmack etwas zu süß, verbreitete aber schnell wohlige Wärme in seiner Magengegend.
Mit dem wärmenden halbvollen Becher in der Hand begann sich Daniel dann auch die wenigen Stände im Freien anzusehen. Der Stand mit dem geruchsintensiven Käse interessierte ihn weniger, aber daneben befand sich ein ganz kleiner Tisch, hinter dem ein seltsamer älterer Mann stand, der seine besondere Aufmerksamkeit erregte.
Der Mann trug eine dicke alte dunkelgraue Leinenhose und eine pelzgefütterte Lederjacke mit speckiger Patina. Das originellste an dem alten Mann war aber sein bemalter Hut, aus ebenso speckigem Leder mit einer riesigen Krempe, von der der Nieselregen außerhalb seines Körpers abtropfen konnte, also sogar den Regenschirm ersetzte.
Das zerfurchte längliche Gesicht und die dunklen Augen erinnerten Daniel ein wenig an Mr. Spock aus Raumschiff Enterprise, wenn auch die Ohren nicht ganz mithalten konnten. Daniel dachte dabei schmunzelnd an den UFO Landeplatz, der diesen Ort so bekannt gemacht hatte. Deshalb amüsiert, blickte Daniel dem alten Mann schelmisch lächelnd, direkt in die Augen. Dieser erwiderte aus seinen überraschend leuchtend klaren Augen dieses Lächeln freundlich und fragte Daniel, ob er ihm vielleicht helfen könne.
Daniel fühlte sich von diesen Augen sofort magnetisch angezogen und erzählte von seiner Absicht ein originelles Weihnachtgeschenk für seine halbwüchsigen Töchter besorgen zu wollen. „Das ist wahrlich nicht einfach, aber genau deshalb bin ich hier“, meinte der alte Mann und stellte sich als der „Einschicht-Max“ vor. Auf seinem Tisch gab es eigentlich nicht viel zu sehen. Genau vier kleine, kaum faustgroße, allerdings sehr schön geschnitzte und handbemalte Truhen waren der ganze Bestand an Waren.
„Einschicht Max“ nahm eine der kleinen Truhen und reichte sie Daniel mit den Worten.“ Ich denke, das ist es was du suchst“. Kann ich es aufmachen? fragte Daniel. Einschicht-Max nickte nur. Daniel öffnete die kleine Truhe und war nicht schlecht erstaunt, als er darin einen USB Memory Stick neuester Bauart, ebenfalls handbemalt, vorfand. Was ist denn da drauf fragte Daniel? Einschicht-Max antwortete: „nicht viel, aber es macht glücklich“. „Du kannst es dir ruhig vorher ansehen, aber nur kurz, es ist eben für die Jungen bestimmt“. Daniel zögerte nicht lange und auf die Frage nach dem Preis antwortete „Einschicht-Max“ nur: „Was immer du geben willst, auch ein freundlicher Händedruck ist in Ordnung“. Daniel nahm einen fünfzig Euro Schein und gab ihn Einschicht-Max mit einem herzlichen „Auf Wiedersehen und Danke schön“, samt freundlichem Händedruck in die Hand.
Zu Hause wieder angekommen wunderte sich Daniel nicht einmal besonders, als er den fünfzig Euro Schein in seiner Jackentasche wieder vorfand. Ein seltsames Gefühl, oder vielleicht schlechtes Gewissen, beschlich ihm allerdings schon damals.
Er steckte den USB-Stick in seinen PC und war leicht enttäuscht als dann nur, wenn auch herzerwärmende wunderschöne Bilder, über seinen Bildschirm wechselten. Bilder von Blumen, Tieren, blühenden und fruchtenden Landschaften, sowie vielen interessanten Bauwerken, die allesamt die schönsten Seiten dieser Welt aufzeigten. Daniel fand auf dem USB-Stick auch sonst keine anderen Daten und der kurze Blick auf die Bilder hatten ihn beruhigt, wenn auch etwas frustriert. Die erhoffte Sensation war es wieder nicht. Schließlich packte er die kleine Truhe sorgfältig wieder ein. Immerhin war es genauso ein einfaches Geschenk, wie es der Familienrat vereinbart hatte.
Das Weihnachtsfest lief dann fast wie immer mit viel zu vielen Geschenken, aber harmonisch und durchaus friedlich ab. Die kleine Truhe fand zwar kurz Anerkennung, wurde aber von seiner Tochter Juliana nicht einmal geöffnet, da sie dringendst zuerst die ganz neuen Cremen und Duftwässerchen durchtesten musste.
Am nächsten Vormittag tauchte Juliana jedoch überraschend mit leuchtenden Augen bei ihrem Vater Daniel auf und fragte ihn, woher er dieses wunderschöne Geschenk mit der Truhe hatte. Daniel war überrascht und fragte Juliana, was ihr daran so besonders gefiel?
Es ist unglaublich, antwortete Juliana, ich habe den USB-Stick in meinen Laptop gesteckt und zuerst auf die Bilder, die mit der schönen Musikuntermalung abliefen, gar nicht geachtet. Aber dann haben mich die Bilder immer mehr angezogen und ich konnte meine Augen gar nicht mehr von Bildschirm wegbekommen. Und was ist da so besonders dran, fragte Daniel? Ich kann es nicht erklären antwortete Juliana, aber mir wurde plötzlich so leicht ums Herz. Alle kleinen und größeren Sorgen fielen plötzlich von mir ab und ich fühle mich so glücklich, so glücklich wie noch nie in meinem Leben. Ich liebe dich über alles, fügte Juliana noch hinzu, fiel ihrem Vater um den Hals und bedeckte sein Gesicht mit Küssen, was sie noch nie vorher getan hatte.
Noch bevor sich Daniel wieder gefangen hatte, kam Julianes jüngere Schwester Michaela und die ganze Szene wiederholte sich noch einmal. Michaela hatte sich die Bilder eigentlich auch nur aus Neugier, allerdings dafür etwas genauer angesehen und meinte sogar, einige der Bilder sind so schön, die können gar nicht von dieser Welt sein.
Führt es mir auch einmal vor, ersuchte Daniel völlig perplex seine Töchter. Flugs darauf kam Juliana mit dem Laptop zurück und ließ das ganze Programm wieder von vorne ablaufen. Jetzt war auch Daniel beeindruckt. Eine unglaubliche Freude und Wärme begann auch ihn zu erfassen und er fühlte erstmals in seinem Leben wirklichen Frieden in seinem Herzen.
Beeindruckend, beeindruckend, sagte Daniel mehrmals und erzählte seinen Töchtern die Geschichte vom „Einschicht-Max“, was den beiden Mädchen ein: “Wow, das ist aber eine coole Story“, entlockte. Dürfen wir das auch unseren Klassenkameraden weitergeben?
Ohne zu überlegen, antwortete Daniel, „ich habe sicher nichts dagegen, es ist euer Geschenk, ihr könnt natürlich damit machen, was ihr wollt“.
Heute ist sich Daniel nicht mehr sicher, ob das die richtige Antwort war, vermutlich hätte aber ein „Nein“ an der folgenden Entwicklung auch nicht viel geändert.
Es dauerte nicht lange und die beiden Schulklassen der Mädchen hatten dieses Programm in Verwendung und waren allesamt restlos glücklich. Eine Woche später war es die ganze Schule, zwei Wochen danach, das ganze Land. Es war inzwischen auf Facebook, YouTube, Twitter und fast allen ähnlichen Portalen verbreitet. Wenige Wochen später hatte dieses Programm die meisten Zugriffe weltweit.
Die globalen Veränderungen wurden schon ein halbes Jahr später deutlich sichtbar. Der Drogenhandel war bereits vollständig zusammengebrochen. Fast alle Jugendlichen machten sich inzwischen ausschließlich mit diesem Programm glücklich. Es war im Grunde genommen stärker und wirksamer als jede bekannte Droge, aber ohne deren Nebenwirkungen. Ganz im Gegenteil, die Menschen übten ihre Tätigkeiten mit neuer Freude aus, oder wechselten einfach zu Arbeiten, die ihnen Freude machte. Es wirkte sogar noch bei bereits stark drogenabhängigen Personen. Versuche von manchen Regierungen dieses Programm zu verbieten, oder das Internet ganz zu sperren, scheiterten kläglich, es war bereits zu spät. Das Programm wurde inzwischen auf alle möglichen Speichermedien kopiert und eben auf diese Art manuell weitergegeben.
Als nächstes weigerten sich die jungen Leute weltweit Krieg zu führen, dann überhaupt zum Militär einzurücken. Da auch fast alle Offiziere und Befehlshaber ebenfalls dieses Programm verwendeten, gab es nicht einmal mehr Konsequenzen für das Desertieren. Es gab weltweit einfach kein ausreichendes Aggressionspotential mehr, das betraf selbst die grausamsten und psychopatischen Machthaber.
Knapp ein Jahr später waren Hunger und Armut fast gänzlich verschwunden. Die riesigen Militärbudgets waren inzwischen Großteils in Agra, Bildung und Infrastrukturprojekte umgewidmet worden. Auch in erneuerbare Energien flossen plötzlich Unsummen an neuen Investitionen, wodurch die Weltwirtschaft einen nie dagewesenen Aufschwung genommen hatte. Luftverschmutzung, Ozonloch und Klimaschock waren ein weiteres Jahr später, bereits Geschichte.
Die neuen ökologischen und inzwischen auch wesentlich sozialeren Industrien hatten die anfänglichen Verluste mehr als wettgemacht und zu einem ungeahnten Aufschwung geführt. Glückliche Menschen haben eben kein Bedürfnis andere Menschen auszubeuten und nach und nach ist auch dort Kaufkraft entstanden, wo man früher nicht einmal etwas zu essen bekommen hatte.
Mehrmals hatte Daniel versucht, „Einschicht-Max“ wieder zu finden, aber niemand in der ganzen Region kannte ihn. Nicht einmal die Organisation, die den Markt organisiert, hatte eine Ahnung, woher er gekommen war. Er war einfach auf einmal „da gewesen“ sagte man ihm.
Vielleicht ist der erste Gedanke mit Mr. Spock doch nicht so falsch gewesen, meinte Daniel manchmal scherzhaft.
Es ist inzwischen eine schöne, soziale und ökologisch nachhaltige Welt geworden, wenn es auch immer noch Menschen gibt die sich die alten Zeiten zurück wünschen. Aber es ist schon gut so dass man das Rad der Zeit nicht mehr zurückdrehen kann.
Diese Kurzgeschichte ist im Buch ZeitenWende erschienen.
Copyright Rudolf Bulant, Dezember 2024